Kaum ein Produkt wird so hartnäckig beworben wie die Sterbegeldversicherung: keine Gesundheitsfragen, Aufnahme bis ins hohe Alter, „damit Ihre Angehörigen nicht auf den Kosten sitzen bleiben“. Der Bedarf dahinter ist echt — die Antwort darauf ist es nicht immer. Dieser Artikel rechnet nach, wer die Bestattung tatsächlich bezahlen muss und wann sich eine Police lohnt.
Auf einen Blick: Die gesetzliche Krankenkasse zahlt seit dem 1. Januar 2004 kein Sterbegeld mehr. Eine einfache Beerdigung kostet nach Angaben der Verbraucherzentrale schnell 3.000 bis 5.000 Euro. Bezahlen muss sie nach § 1968 BGB der Erbe. Die Sterbegeldversicherung ist eine kleine Kapitallebensversicherung mit Summen zwischen 4.000 und 10.000 Euro — wer sie erst kurz vor oder in der Rente abschließt, zahlt oft mehr ein, als am Ende ausgezahlt wird. Sinnvoll ist sie vor allem in zwei Sonderfällen.
Warum es diese Lücke überhaupt gibt
Bis Ende 2003 war das Sterbegeld eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung: zuletzt 525 Euro beim Tod eines Mitglieds und 262,50 Euro beim Tod eines familienversicherten Angehörigen. Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz wurde es zum 1. Januar 2004 ersatzlos gestrichen. Seither gibt es aus der Krankenkasse im Todesfall nichts mehr — und genau in diese Lücke verkaufen Versicherer, Bestatter und Direktanbieter ihre Produkte.
Was eine Bestattung kostet
Hier ist Vorsicht geboten: Die im Netz kursierenden „Durchschnittskosten“ von 7.000 bis 13.000 Euro stammen fast immer von Bestattern oder Vergleichsportalen und widersprechen sich deutlich. Belastbar ist die Angabe der Verbraucherzentrale: „Selbst einfache Beerdigungen kosten schnell 3.000 bis 5.000 Euro.“ Nach oben ist die Spanne offen, weil sehr Unterschiedliches zusammenkommt:
- Bestatterleistungen — Versorgung, Sarg oder Urne, Überführung, Organisation,
- kommunale Gebühren — Grabnutzung, Bestattungsgenehmigung, Trauerhalle; sie unterscheiden sich von Gemeinde zu Gemeinde erheblich,
- persönliche Ausgaben — Anzeigen, Blumen, Trauerfeier, Bewirtung,
- Folgekosten — Grabstein und Grabpflege über die gesamte Ruhezeit.
Der größte Hebel ist deshalb nicht die Versicherung, sondern die Wahl der Bestattungsart und der Preisvergleich zwischen Bestattern. Studien der Verbraucherzentralen zeigen bei identischen Leistungen erhebliche Preisunterschiede — ein Angebotsvergleich spart oft mehr als jede Police einbringt.
Wer die Bestattung bezahlen muss
Diese Frage wird in der Werbung gern verkürzt. Rechtlich gilt:
- Der Erbe trägt die Kosten — § 1968 BGB ist eindeutig: „Der Erbe trägt die Kosten der Beerdigung des Erblassers.“ Mehrere Erben haften gemeinsam.
- Die Bestattungspflicht regeln die Bundesländer — sie trifft in der Regel nahe Angehörige und besteht unabhängig vom Erbe. Wer das Erbe ausschlägt, ist damit nicht automatisch von der Pflicht befreit, für die Bestattung zu sorgen; die Kosten kann er sich aber unter Umständen erstatten lassen.
- Das Sozialamt springt ein, wenn es sein muss: Nach § 74 SGB XII werden „die erforderlichen Kosten einer Bestattung übernommen, soweit den hierzu Verpflichteten nicht zugemutet werden kann, die Kosten zu tragen“. Das ist keine Luxuslösung, aber niemand bleibt unbestattet.
Was andere Systeme noch zahlen
Bevor Sie eine Police abschließen, prüfen Sie, ob Sie eventuell schon abgesichert sind:
- Gesetzliche Unfallversicherung: Stirbt jemand infolge eines Arbeitsunfalls oder einer Berufskrankheit, zahlt sie nach § 64 SGB VII ein Sterbegeld „in Höhe eines Siebtels der im Zeitpunkt des Todes geltenden Bezugsgröße“ — das sind 2026 rund 6.780 Euro (Bezugsgröße 47.460 Euro geteilt durch sieben).
- Bundesbeamtinnen und -beamte: Nach § 18 BeamtVG erhalten hinterbliebene Ehegatten und Abkömmlinge ein Sterbegeld in Höhe des Zweifachen der maßgeblichen Dienstbezüge beziehungsweise des Ruhegehalts. Für Beamtinnen und Beamte der Länder gelten teilweise eigene Regelungen.
- Gesetzliche Rentenversicherung: Ein Sterbegeld gibt es nicht, wohl aber das Sterbevierteljahr: Nach § 67 SGB VI gilt für Witwen- und Witwerrenten bis zum Ende des dritten Kalendermonats nach dem Sterbemonat der Rentenartfaktor 1,0 — die Hinterbliebenen erhalten in dieser Zeit also die volle Rente der verstorbenen Person, danach 25 beziehungsweise 55 Prozent.
- Bestehende Lebensversicherungen und betriebliche Hinterbliebenenleistungen — oft vergessen und deutlich größer als jede Sterbegeldpolice.
Wie die Sterbegeldversicherung funktioniert
Sie ist juristisch eine kleine Kapitallebensversicherung mit einer Versicherungssumme zwischen 4.000 und 10.000 Euro. Typische Merkmale:
- Keine oder nur wenige Gesundheitsfragen — der Preis dafür ist eine Wartezeit von meist ein bis drei Jahren. Stirbt die versicherte Person vorher durch Krankheit, gibt es oft nur die eingezahlten Beiträge zurück; bei Unfalltod zahlt der Versicherer in der Regel sofort.
- Aufnahme bis ins hohe Alter, häufig bis 80 oder 85 Jahre.
- Beitragszahlung entweder als Einmalbeitrag oder laufend, oft bis zu einem festen Endalter; danach ist der Vertrag beitragsfrei.
- Der Beitrag richtet sich stark nach dem Eintrittsalter — je später der Abschluss, desto teurer wird jeder Euro Versicherungssumme.
Das Renditeproblem — und warum es so oft übersehen wird
Genau hier liegt der Haken. Die Verbraucherzentrale formuliert es unmissverständlich: „Gerade bei Älteren sind schnell mehr Beiträge geflossen als die Hinterbliebenen im Todesfall erhalten.“ Und weiter: „Im Rentenalter oder kurz davor sollten Sie keine Sterbegeldversicherung abschließen.“
Der Grund ist einfache Arithmetik: Wer mit 70 abschließt und 90 wird, zahlt zwanzig Jahre lang Beiträge in einen Vertrag mit fester Summe. Bei einer garantierten Leistung von wenigen Tausend Euro ist die Grenze, ab der man draufzahlt, schnell erreicht — anders als bei einer Risikolebensversicherung, die ein echtes Risiko in jungen Jahren absichert.
Rechnen Sie deshalb vor der Unterschrift drei Zahlen aus: die Versicherungssumme, den Beitrag mal zwölf mal Ihrer realistischen Restlebenserwartung, und die Wartezeit. Wenn die zweite Zahl größer ist als die erste, ist ein Sparplan die bessere Lösung.
Wann sie trotzdem sinnvoll sein kann
Es gibt zwei Konstellationen, in denen die Police mehr ist als ein teurer Sparvertrag:
- Bezug von Sozialhilfe oder Grundsicherung. Ersparnisse werden angerechnet, eine zweckgebundene Bestattungsvorsorge dagegen in der Regel nicht: Sie fällt unter die Härtefallklausel des § 90 Abs. 3 SGB XII. Die Verbraucherzentrale nennt als Orientierung eine von der Rechtsprechung angenommene Grenze von rund 5.400 Euro.“ Wer also mit Grundsicherung rechnet, sichert mit einer solchen Vorsorge Geld, das auf dem Sparbuch verbraucht werden müsste.
- Wenn Disziplin oder Zeit fehlen. Wer weiß, dass ein Sparbetrag nicht liegen bleiben würde, oder wer bereits sehr alt ist und nicht mehr die Zeit hat, den Betrag anzusparen, kauft mit der Police vor allem Verbindlichkeit — bewusst und mit dem Wissen um den Preis.
Für junge Familien ist sie dagegen fast nie die richtige Antwort. Wer beim eigenen Tod eine Familie oder eine Immobilienfinanzierung absichern will, braucht keine 8.000 Euro, sondern eine sechsstellige Summe — und die gibt es für kleines Geld über eine Risikolebensversicherung.
Die Alternativen im Vergleich
- Tagesgeld oder Sparplan — flexibel, jederzeit verfügbar, keine Wartezeit, kein Renditeverlust durch Abschlusskosten. Nachteil: Das Geld ist im Todesfall Teil des Nachlasses und steht erst nach der Klärung der Erbfolge zur Verfügung — ein Konto mit Vollmacht über den Tod hinaus löst das.
- Bestattungsvorsorgevertrag mit Treuhandkonto — Sie legen die Bestattung zu Lebzeiten fest und zahlen den Betrag auf ein Treuhandkonto ein, nicht an den Bestatter direkt. Das kann das Geld im Fall einer Insolvenz des Bestatters schützen und hält zugleich Ihre Bestattungswünsche vertraglich fest. Die Verbraucherzentrale empfiehlt ausdrücklich diesen Weg statt der Direktzahlung.
- Sterbegeldversicherung — sinnvoll in den beiden oben genannten Fällen, sonst meist die teuerste Variante.
Checkliste vor dem Abschluss
- Wartezeit — wie lange, und was wird gezahlt, wenn der Todesfall vorher eintritt?
- Unfalltod — ist er von der Wartezeit ausgenommen?
- Beitragszahlungsdauer — bis zu welchem Alter zahlen Sie, und was passiert danach?
- Summe der Beiträge — lassen Sie sich schriftlich ausrechnen, wie viel Sie bis zum Alter 85 und 90 eingezahlt hätten.
- Überschussbeteiligung — garantiert oder nur in Aussicht gestellt?
- Beitragsfreistellung — ist sie möglich, und mit welcher Restsumme?
- Bezugsrecht — wer erhält das Geld, und ist die Verwendung an die Bestattung gebunden?
- Bestehende Verträge — läuft bereits eine Lebensversicherung oder eine betriebliche Hinterbliebenenleistung?
Wer die Vorsorge insgesamt ordnen will, findet den Überblick in Versicherungen für Rentner; die Abwägung zwischen Sparen und Versichern erklärt Kapitallebensversicherung: Vor- und Nachteile. Und wer im Alter das teuerste Risiko absichern will, sollte zuerst hier hinschauen: Pflegezusatzversicherung: Sinnvoll bei steigenden Eigenanteilen?
Ob eine Police für Ihre Situation passt oder ein Sparplan reicht, hängt von Alter, Einkommen und bestehenden Verträgen ab: Auf Versipedia finden Sie Expertinnen und Experten für Lebensversicherungen in Ihrer Nähe — oder Sie starten mit der kostenlosen Bedarfsanalyse.
Quellen und weiterführende Informationen
- Verbraucherzentrale — Sterbegeldversicherungen rechnen sich oft nicht: verbraucherzentrale.de
- § 1968 BGB — Beerdigungskosten: gesetze-im-internet.de
- § 74 SGB XII — Bestattungskosten: gesetze-im-internet.de
- § 90 SGB XII — Einzusetzendes Vermögen (Härtefallklausel): gesetze-im-internet.de
- § 64 SGB VII — Sterbegeld der gesetzlichen Unfallversicherung: gesetze-im-internet.de
- § 18 BeamtVG — Sterbegeld: gesetze-im-internet.de
- § 67 SGB VI — Rentenartfaktor (Sterbevierteljahr): gesetze-im-internet.de
- Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste — Sterbegeld als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung: bundestag.de
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung. Bestattungskosten und kommunale Gebühren unterscheiden sich regional erheblich; Wartezeiten und Leistungen der Policen ergeben sich aus den Versicherungsbedingungen. Stand: August 2026.
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Häufige Fragen
Zahlt die Krankenkasse noch Sterbegeld?
Was kostet eine Beerdigung in Deutschland?
Wer muss die Bestattung bezahlen?
Lohnt sich eine Sterbegeldversicherung im Rentenalter?
Wird eine Bestattungsvorsorge auf die Grundsicherung angerechnet?
Was ist die bessere Alternative zur Sterbegeldversicherung?
Veröffentlicht am 23. August 2026
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