Als Angestellter läuft vieles automatisch: Der Arbeitgeber zahlt die Hälfte der Sozialversicherung, bei Krankheit gibt es Lohnfortzahlung, die Rente wächst mit jedem Gehaltslauf. Mit dem Schritt in die Selbstständigkeit endet dieser Autopilot — und mit ihm die Sicherheit, dass „schon irgendwas greift“. Dieser Ratgeber sortiert, welche Versicherungen für Selbstständige Pflicht sind, welche existenziell wichtig und welche warten können — mit den aktuellen Zahlen für 2026.
Auf einen Blick: Gesetzlich vorgeschrieben sind nur wenige Dinge: die Krankenversicherung (GKV oder PKV), für bestimmte Berufsgruppen die gesetzliche Rentenversicherung (§ 2 SGB VI) und für Kammer- und einzelne Erlaubnisberufe eine Berufshaftpflicht. Existenzbedrohende Risiken zuerst absichern: Berufsunfähigkeit, Haftung (Betriebshaftpflicht) und längere Krankheit (Krankentagegeld). Betriebliche Policen wie Inhalts-, Cyber- oder Rechtsschutzversicherung folgen je nach Geschäftsmodell. Ein solides Grundpaket kostet einen Solo-Selbstständigen im Büroberuf ab rund 400 Euro im Monat — der größte Posten ist fast immer die Krankenversicherung.
Die Pflicht-Basis: Was Sie haben müssen
1. Krankenversicherung: GKV oder PKV
In Deutschland gilt eine allgemeine Krankenversicherungspflicht — auch für Selbstständige. Sie haben die Wahl zwischen der freiwilligen Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung und der privaten Krankenversicherung:
- GKV: Der Beitrag richtet sich nach dem Einkommen — 14,0 Prozent (ermäßigter Satz ohne Krankengeldanspruch) beziehungsweise 14,6 Prozent (mit Krankengeldanspruch) plus Zusatzbeitrag der Kasse (Durchschnitt 2026: 2,9 Prozent) plus Pflegeversicherung (3,6 Prozent, Kinderlose 4,2 Prozent). Die Kasse rechnet mindestens mit einem fiktiven Einkommen von 1.318,33 Euro im Monat (2026) — daraus ergibt sich ein Mindestbeitrag von rund 270 bis 280 Euro monatlich inklusive Pflegeversicherung. Nach oben ist bei der Beitragsbemessungsgrenze von 5.812,50 Euro Schluss: Mehr als etwa 1.000 Euro plus Pflegebeitrag werden nicht fällig.
- PKV: Der Beitrag richtet sich nach Alter, Gesundheit und Tarif — nicht nach dem Einkommen. Für junge, gesunde Gutverdiener oft attraktiv, im Alter aber eine langfristige Verpflichtung. Was für wen spricht, lesen Sie im Detail unter Private Krankenversicherung für Selbstständige.
2. Rentenversicherung: Für diese Selbstständigen schon heute Pflicht
Viele wissen es nicht: Nach § 2 SGB VI sind bestimmte Selbstständige schon heute in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert, unter anderem:
- Handwerker in zulassungspflichtigen Gewerken (Eintrag in der Handwerksrolle) — nach 18 Jahren mit Pflichtbeiträgen ist auf Antrag eine Befreiung möglich,
- Lehrer, Dozenten und Erzieher ohne versicherungspflichtige Angestellte — dazu zählen auch Coaches und Trainer mit unterrichtender Tätigkeit,
- Pflegepersonen und Hebammen,
- Künstler und Publizisten — über die Künstlersozialkasse, die etwa die Hälfte der Beiträge übernimmt,
- Selbstständige, die auf Dauer nur für einen Auftraggeber arbeiten und keine Mitarbeiter beschäftigen.
Der Regelbeitrag liegt 2026 bei 735,63 Euro im Monat (18,6 Prozent der Bezugsgröße von 3.955 Euro); in den ersten drei Kalenderjahren nach Gründung gilt auf Antrag der halbe Regelbeitrag von 367,82 Euro. Alternativ können Pflichtversicherte einen einkommensgerechten Beitrag auf Basis des tatsächlichen Gewinns zahlen. Kammerberufe wie Ärzte, Anwälte oder Architekten sind stattdessen in ihrem berufsständischen Versorgungswerk pflichtversichert.
Ausblick: Die Bundesregierung plant eine Altersvorsorgepflicht für alle neuen Selbstständigen, die bislang nicht obligatorisch abgesichert sind. Der Bericht der Alterssicherungskommission liegt vor, das Gesetzespaket soll nach den Koalitionsplänen bis Ende 2026 verabschiedet werden und ab 2027 für Neugründer gelten — beschlossen ist es Stand Juli 2026 noch nicht. Wer heute gründet, sollte die Entwicklung verfolgen, aber nicht auf sie warten: Altersvorsorge braucht es so oder so.
3. Berufsspezifische Pflichtversicherungen
Ärzte, Rechtsanwälte, Notare, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Architekten müssen eine Berufshaftpflicht nachweisen, Versicherungsvermittler eine Vermögensschadenhaftpflicht (§ 34d GewO), Bewachungsunternehmen eine Betriebshaftpflicht. Wer Mitarbeiter beschäftigt, ist außerdem automatisch Mitglied der zuständigen Berufsgenossenschaft (gesetzliche Unfallversicherung) — für viele Branchen gilt das sogar ohne Angestellte, die Anmeldung ist Pflicht.
Existenzbedrohende Risiken zuerst
Nach der Pflicht-Basis gilt eine einfache Regel: Versichert wird zuerst, was die Existenz kosten kann — nicht, was am häufigsten passiert.
Berufsunfähigkeit: die wichtigste private Police
Fällt Ihre Arbeitskraft dauerhaft aus, fällt Ihr Einkommen komplett aus — und anders als Angestellte haben viele Selbstständige nicht einmal Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente, weil die nötigen Pflichtbeitragszeiten fehlen. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung mit einer Rente von 60 bis 80 Prozent des Nettoeinkommens ist deshalb für die meisten Selbstständigen die wichtigste private Versicherung. Orientierung: Ein 30-jähriger Büroberufler zahlt für 2.000 Euro Monatsrente bis 67 häufig 60 bis 100 Euro im Monat; körperlich Tätige zahlen ein Mehrfaches. Da vor dem Abschluss eine Gesundheitsprüfung steht, gilt: je früher und gesünder, desto besser — Fachleute stellen vorab anonyme Risikovoranfragen bei mehreren Versicherern.
Betriebshaftpflicht: Schutz vor unbegrenzter Haftung
Für Schäden, die Sie oder Ihre Mitarbeiter Dritten zufügen, haften Sie nach § 823 BGB unbegrenzt — Einzelunternehmer auch mit dem Privatvermögen. Die Betriebshaftpflicht kostet für viele Tätigkeiten weniger als 200 Euro im Jahr und gehört damit zu den günstigsten Existenzsicherungen überhaupt. Kosten nach Branche, Deckungssummen und Pflicht-Check: Betriebshaftpflichtversicherung: Kosten und für wen sie Pflicht ist. Beratende und planende Berufe ergänzen die Vermögensschadenhaftpflicht für Beratungs- und Planungsfehler.
Krankentagegeld: die unterschätzte Lücke
Schon eine sechswöchige Grippe oder ein Bandscheibenvorfall bedeutet für Selbstständige: kein Umsatz, laufende Kosten. Gesetzlich Versicherte können per Wahlerklärung Krankengeld ab dem 43. Krankheitstag vereinbaren (dafür gilt der allgemeine Beitragssatz von 14,6 statt 14,0 Prozent) — es beträgt 70 Prozent des zuletzt verbeitragten Arbeitseinkommens, 2026 maximal 135,63 Euro pro Tag. Wer früher abgesichert sein will oder privat versichert ist, schließt eine private Krankentagegeldversicherung ab; über die Karenzzeit (etwa ab dem 15., 22. oder 43. Tag) lässt sich der Beitrag steuern. Faustregel für die Höhe: Das Tagegeld sollte Ihre privaten Fixkosten plus die weiterlaufenden Betriebskosten decken.
Betrieblich sinnvoll — je nach Geschäftsmodell
- Inhaltsversicherung: ersetzt Werkstatt-, Laden- oder Büroausstattung, Waren und Vorräte bei Feuer, Einbruch, Leitungswasser und Sturm — wichtig, sobald nennenswertes Inventar existiert. In Kombination mit einer Betriebsunterbrechungsversicherung ersetzt sie auch den entgangenen Gewinn, wenn der Betrieb nach einem Schaden stillsteht.
- Cyberversicherung: sinnvoll für alle, die Kundendaten verarbeiten oder deren Geschäft digital läuft — sie übernimmt Kosten für IT-Forensik, Datenwiederherstellung, Haftung und teils Betriebsausfall nach einem Angriff.
- Firmenrechtsschutz: Streit mit Auftraggebern, Mitarbeitern oder dem Vermieter kann teuer werden; ein Firmenrechtsschutz übernimmt Anwalts- und Gerichtskosten je nach vereinbarten Bausteinen.
- Freiwillige Arbeitslosenversicherung: Wer vor der Gründung mindestens zwölf Monate in den letzten 30 Monaten versicherungspflichtig war, kann sich freiwillig weiterversichern — der Antrag muss innerhalb von drei Monaten nach dem Start gestellt werden. Beitrag 2026: 102,83 Euro im Monat, Existenzgründer zahlen zunächst die Hälfte (51,42 Euro).
Was warten kann
Nicht alles, was verkauft wird, gehört in die Gründungsphase: Zahnzusatz-, Brillen- oder Handyversicherungen, kleinteilige Elektronikpolicen und Ähnliches sichern keine Existenzrisiken. Auch eine private Unfallversicherung ist meist zweite Wahl, solange keine Berufsunfähigkeitsversicherung besteht — sie zahlt nur nach Unfällen, während die meisten Berufsunfähigkeitsfälle auf Krankheiten zurückgehen. Erst die Existenzrisiken, dann der Komfort.
Was kostet der Grundschutz? Drei Beispiel-Profile
Orientierungswerte pro Monat (2026, vereinfacht — die tatsächlichen Beiträge hängen von Einkommen, Alter, Gesundheit und Tarif ab):
- IT-Freelancer, 30, solo, Büroarbeit: GKV-Mindestbeitrag ~280 € + Berufsunfähigkeitsrente 2.000 € ~70–90 € + Betriebs- und Vermögensschadenhaftpflicht ~25–40 € = rund 380 bis 410 Euro; optional Krankentagegeld ~20–40 €.
- Elektro-Handwerksmeister, 35, ein Geselle: GKV nach Gewinn (bei 3.500 € Gewinn ~700 €) + gesetzliche Rente als Pflichtmitglied 735,63 € (oder einkommensgerecht) + Betriebshaftpflicht ~25–40 € + Berufsunfähigkeits-/Unfallschutz ~100–150 € = rund 1.550 bis 1.650 Euro — Handwerker tragen die volle Soziallast allein, das muss die Kalkulation der Stundensätze hergeben.
- Marketing-Beraterin, 40, Home-Office: GKV nach Einkommen (bei 4.000 € ~800 €) + Berufsunfähigkeitsrente ~90–120 € + Betriebs- plus Vermögensschadenhaftpflicht ~30–45 € + Cyberversicherung ~20–40 € = rund 950 bis 1.000 Euro.
Die Zahlen zeigen zweierlei: Der Löwenanteil entfällt fast immer auf Kranken- und Altersvorsorge — und der eigentliche Versicherungsschutz gegen Existenzrisiken (Haftung, Berufsunfähigkeit, Krankheit) ist im Verhältnis überraschend günstig.
Checkliste zum Schluss
- Krankenversicherung klären: GKV-Beitrag kalkulieren, PKV nur nach gründlicher Beratung.
- Prüfen, ob Sie unter die Rentenversicherungspflicht nach § 2 SGB VI fallen (Handwerksrolle, Lehrtätigkeit, ein Auftraggeber) — Nachzahlungen können teuer werden.
- Berufsunfähigkeit und Betriebshaftpflicht vor allem anderen abschließen.
- Verdienstausfall regeln: Krankengeld-Wahlerklärung oder privates Krankentagegeld.
- Frist beachten: freiwillige Arbeitslosenversicherung nur binnen drei Monaten nach Gründung.
- Einmal im Jahr prüfen: Passen Deckungssummen und Beiträge noch zu Umsatz und Team?
Welche Basics unabhängig vom Berufsstatus für alle gelten, zeigt der Überblick Welche Versicherungen braucht man wirklich?. Und wenn Sie die Punkte nicht allein sortieren möchten: Auf Versipedia finden Sie Experten für Gewerbeversicherungen — Makler, Vertreter und Berater in Ihrer Nähe. Oder Sie starten mit der kostenlosen Bedarfsanalyse und erhalten passende Vorschläge aus Ihrer Region.
Quellen und weiterführende Informationen
- § 2 SGB VI — rentenversicherungspflichtige Selbstständige: gesetze-im-internet.de
- Deutsche Rentenversicherung — Informationen für Selbstständige: deutsche-rentenversicherung.de
- Rechengrößen der Sozialversicherung 2026 (Bezugsgröße, Beitragsbemessungsgrenzen): krankenkassen.de
- Bundesagentur für Arbeit — freiwillige Arbeitslosenversicherung: arbeitsagentur.de
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung. Alle Beitragsangaben sind Orientierungswerte (Stand: Juli 2026); die geplante Altersvorsorgepflicht für Selbstständige ist noch nicht Gesetz, Details können sich im Gesetzgebungsverfahren ändern.
Häufige Fragen
Welche Versicherungen sind für Selbstständige Pflicht?
Was kostet das Minimum-Paket für Selbstständige?
Brauchen Freiberufler eine Betriebshaftpflicht?
Müssen Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen?
Bekommen Selbstständige Krankengeld?
Veröffentlicht am 16. Juli 2026
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